Ist ein Kopfball gesund Wieviele Gehirnzellen sterben ab - Notarzt erklärt
• Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA / 0 Kommentare

Ist ein Kopfball gesund Wieviele Gehirnzellen sterben ab - Notarzt erklärt


Von Dr. Daniel Pehböck · Lesezeit ca. 10 Minuten

Der Kopfball gehört zum Fußball wie das Tor zum Spiel. Doch jeder Kontakt zwischen Schädel und Ball wirft eine berechtigte Frage auf: Ist das eigentlich gesund? Sterben dabei Gehirnzellen ab? Als Notarzt mit intensivmedizinischer Erfahrung ordne ich die wissenschaftliche Evidenz ein – nüchtern, ohne Panikmache, aber auch ohne Verharmlosung.

Was passiert beim Kopfball physikalisch?

Ein Fußball wiegt regelkonform zwischen 410 und 450 Gramm. Bei einem scharfen Torschuss oder einer langen Flanke erreicht der Ball Geschwindigkeiten von 70 bis über 100 km/h. Trifft dieser Ball auf den Kopf, wirkt eine erhebliche kinetische Energie auf den Schädel – und damit auf das darin schwimmende Gehirn.

Entscheidend ist der Begriff der Beschleunigung. Das Gehirn ist im Schädel von Liquor umgeben und wird bei einem plötzlichen Aufprall abgebremst oder in Bewegung versetzt. Man unterscheidet lineare Beschleunigung (geradlinig) und rotationale Beschleunigung (Drehung). Gerade Letztere gilt in der Neurotraumatologie als besonders schädlich, weil sie Scherkräfte im Gewebe erzeugt.

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Gut zu wissen:

Ein einzelner, korrekt ausgeführter Kopfball liegt in der Regel deutlich unterhalb der Schwelle, die eine akute Gehirnerschütterung auslöst. Problematisch ist weniger der einzelne Kontakt als die Summe wiederholter, subklinischer Belastungen über Jahre.

Sterben wirklich Gehirnzellen ab?

Die populäre Vorstellung, dass bei jedem Kopfball eine exakt bezifferbare Zahl an Nervenzellen abstirbt, ist ein Mythos. Es gibt keine seriöse wissenschaftliche Zahl à la „Ein Kopfball tötet 1000 Neuronen“. Solche Angaben sind frei erfunden und lassen sich weder messen noch belegen.

Die Realität ist differenzierter: Bei einem einzelnen, moderaten Kopfball kommt es normalerweise nicht zu einem messbaren, strukturellen Zelluntergang. Das Gehirn ist erstaunlich robust. Problematisch wird es bei sogenannten repetitiven subkonkussiven Impacts – also vielen kleinen Stößen, die einzeln keine Symptome verursachen, sich aber über Jahre summieren können.

Wichtig:

Nicht die Anzahl abgestorbener Zellen ist der relevante Marker, sondern mögliche Veränderungen der weißen Substanz, der Nervenfaserbahnen und langfristige kognitive Effekte. Diese lassen sich nur mit modernen bildgebenden Verfahren wie der Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI) andeutungsweise erfassen.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Forschungslage ist ernst zu nehmen, aber nicht eindeutig alarmierend. Mehrere Studien liefern Hinweise, aber keine finalen Beweise für eine direkte Kausalität durch einzelne Kopfbälle.

Studie / Quelle Kernaussage
FIELD-Studie (Schottland, 2019) Ehemalige Profifußballer hatten ein rund 3,5-fach erhöhtes Risiko, an neurodegenerativen Erkrankungen zu sterben.
DTI-Untersuchungen Amateurspieler mit hoher Kopfball-Frequenz zeigten Veränderungen der weißen Substanz und Gedächtnistests.
CTE-Forschung Chronische traumatische Enzephalopathie wurde post mortem bei einzelnen Fußballern nachgewiesen – kausaler Zusammenhang bleibt Gegenstand der Forschung.

Wichtig ist die Einordnung: Diese Studien zeigen Assoziationen, keine sicheren Ursache-Wirkungs-Ketten. Profifußballer heben sich durch jahrzehntelange, hochfrequente Belastung, mögliche Zusammenprälle mit anderen Spielern und weitere Faktoren vom Freizeitspieler ab.

Risikofaktoren im Überblick

Nicht jeder Kopfball ist gleich. Folgende Faktoren beeinflussen das Risiko erheblich:

Ballgeschwindigkeit
Je schneller der Ball, desto höher die einwirkende Energie. Ein abgefälschter Schuss aus kurzer Distanz ist gefährlicher als eine ruhige Flanke.
Technik
Korrekter Kopfball trifft mit der Stirn, angespannter Nackenmuskulatur und aktiver Bewegung zum Ball – das reduziert die Beschleunigung des Kopfes.
Häufigkeit
Die kumulative Belastung über eine Karriere ist entscheidender als der Einzelkontakt.
Alter und Reifegrad
Das kindliche Gehirn und die schwächere Nackenmuskulatur machen Kinder anfälliger.
Nasser Ball
Früher nahmen Lederbälle Wasser auf und wurden deutlich schwerer – ein historischer Risikofaktor, der bei modernen Bällen entschärft ist.

Kopfball bei Kindern – besondere Vorsicht

Das kindliche Gehirn befindet sich in der Entwicklung und ist empfindlicher gegenüber mechanischen Einwirkungen. Gleichzeitig ist die Nackenmuskulatur schwächer, wodurch der Kopf stärker beschleunigt wird. Aus diesem Grund haben mehrere Fußballverbände reagiert.

Empfehlung der Verbände:

In England, Schottland und den USA wurden Kopfbälle im Kindertraining teils untersagt oder stark limitiert. In Österreich und Deutschland gibt es Empfehlungen, Kopfballtraining bei Kindern zu reduzieren und altersgerecht zu gestalten. Das ist eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme nach dem Vorsorgeprinzip.

Warnsignale einer Gehirnerschütterung erkennen

Als Notarzt betone ich: Der akut gefährliche Moment ist nicht der normale Kopfball, sondern die unerkannte Gehirnerschütterung – etwa nach einem Zusammenprall Kopf gegen Kopf. Bei folgenden Symptomen muss das Spiel sofort beendet und ärztliche Abklärung erfolgen:

  • Kurzzeitige Bewusstlosigkeit oder Benommenheit
  • Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen
  • Schwindel, Gleichgewichtsstörungen
  • Sehstörungen, Doppelbilder, Lichtempfindlichkeit
  • Verwirrtheit, verlangsamte Reaktion, Erinnerungslücken
  • Ungewöhnliche Müdigkeit oder Reizbarkeit
Notfallregel „If in doubt, sit them out":

Bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung gilt: Spieler sofort vom Feld nehmen. Eine zweite Erschütterung vor Ausheilung der ersten kann zum lebensbedrohlichen Second-Impact-Syndrom führen – gerade bei Jugendlichen.

Praxis-Tipps zur Prävention

Tipp 1 – Nackenmuskulatur stärken

Eine kräftige Halsmuskulatur reduziert die Kopfbeschleunigung beim Kopfball messbar. Gezieltes Nackentraining sollte fester Bestandteil der Fußballvorbereitung sein.

Tipp 2 – Technik vor Häufigkeit

Sauberes Kopfballtraining mit korrekter Stirntechnik ist wichtiger als endlose Wiederholungen. Trainingsumfang bewusst dosieren.

Tipp 3 – Ausrüstung und Erste-Hilfe-Bereitschaft

Jeder Verein sollte für den Notfall eines Zusammenpralls gerüstet sein – mit Verbandsmaterial, Kühlmitteln und geschultem Personal. Klare Concussion-Protokolle gehören an jeden Sportplatz.

Fazit: Ist ein Kopfball gesund?

Ein einzelner, korrekt ausgeführter Kopfball tötet weder eine messbare Anzahl an Gehirnzellen ab noch verursacht er einen akuten Schaden bei einem gesunden Erwachsenen. Die Behauptung fixer Zellzahlen ist ein Mythos ohne wissenschaftliche Grundlage.

Ernst zu nehmen ist jedoch die kumulative Belastung über Jahre – besonders im Profibereich – sowie das Risiko bei Kindern und bei akuten Zusammenprällen. Mein Rat als Notarzt: Freizeitfußball mit gelegentlichen Kopfbällen ist vertretbar. Reduzieren Sie Kopfballtraining bei Kindern, stärken Sie die Nackenmuskulatur und nehmen Sie jede Gehirnerschütterung absolut ernst.

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Quellen

Mackay DF et al.: Neurodegenerative Disease Mortality among Former Professional Soccer Players (FIELD-Studie), NEJM 2019. · Lipton ML et al.: Soccer Heading and White Matter Microstructure, Radiology. · Consensus Statement on Concussion in Sport, Amsterdam 2023. · Positionspapiere der englischen und US-amerikanischen Fußballverbände zu Kopfbällen im Jugendbereich.

Disclaimer: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung oder anhaltenden Beschwerden nach Kopfverletzungen suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe auf. Es werden keine Heilversprechen abgegeben.


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