Die Vorstellung, bei lebendigem Leib begraben zu werden, gehört zu den urmenschlichen Ängsten und beschäftigt seit Jahrhunderten die kollektive Psyche. Als Notfall- und Intensivmediziner befasse ich mich regelmässig mit Extremsituationen und den physiologischen Reaktionen des menschlichen Körpers unter lebensbedrohlichen Bedingungen. Dieser Artikel beleuchtet aus medizinischer Sicht, was tatsächlich im Körper geschieht, wenn ein Mensch lebendig begraben wird, welche psychologischen Mechanismen dabei eine Rolle spielen und wie moderne Medizin und Bestattungspraxis solche Szenarien heute nahezu unmöglich machen.
Inhaltsverzeichnis
- Historischer Kontext und Taphophobie
- Physiologische Prozesse beim lebendig Begraben-Werden
- Atemphysiologie und Sauerstoffverbrauch
- Psychologische und neurologische Reaktionen
- Taphophobie als Angststörung
- Moderne Sicherheitsmechanismen in der Bestattungspraxis
- Todeszeitpunkt-Bestimmung und Leichenschau
- Praktische Hinweise für Betroffene
- Fazit und Handlungsempfehlungen
Historischer Kontext und Taphophobie
Die Angst vor dem Scheintod und dem lebendig Begraben-Werden war im 18. und 19. Jahrhundert besonders ausgeprägt. Zu einer Zeit, als die medizinische Diagnostik noch nicht über moderne Überwachungsgeräte wie EKG oder EEG verfügte, kam es tatsächlich vereinzelt zu Fehleinschätzungen beim Todeseintritt. Diese historische Realität nährte eine kollektive Phobie, die als Taphophobie bezeichnet wird – die pathologische Angst, lebendig begraben zu werden.
Prominente Persönlichkeiten wie Edgar Allan Poe verarbeiteten diese Ängste literarisch und trugen zur Verbreitung bei. Die gesellschaftliche Reaktion manifestierte sich in technischen Erfindungen: Särge mit Glocken, Luftschächten oder Fluchtmechanismen wurden entwickelt. Aus medizinhistorischer Sicht sind diese Ängste jedoch heute weitgehend unbegründet.
Wichtig zu wissen: Dokumentierte Fälle von tatsächlichem lebendig Begraben-Werden sind in der modernen Medizingeschichte extrem selten und praktisch ausschliesslich auf Kriegszeiten, Katastrophensituationen oder Länder ohne geregelte Bestattungsvorschriften beschränkt.
Physiologische Prozesse beim lebendig Begraben-Werden
Aus notfallmedizinischer Sicht ist das Szenario des lebendig Begraben-Werdens eine Form der akuten Hypoxie (Sauerstoffmangel) kombiniert mit psychischem Extremstress. Die physiologischen Abläufe lassen sich in verschiedene Phasen unterteilen, die ich im Folgenden detailliert erläutere.
Initiale Phase: Hyperventilation und Stressreaktion
Unmittelbar nach dem Erwachen in einem geschlossenen Sarg würde der Körper mit einer massiven Sympathikusaktivierung reagieren. Das vegetative Nervensystem schaltet in den Fight-or-Flight-Modus, was zu folgenden Reaktionen führt:
- Herzfrequenz steigt auf 140-180 Schläge pro Minute
- Blutdruck erhöht sich deutlich (systolisch oft >180 mmHg)
- Atemfrequenz verdoppelt oder verdreifacht sich (Hyperventilation)
- Massive Adrenalin- und Cortisol-Ausschüttung
- Muskelzittern und unwillkürliche Bewegungen
Diese Stressreaktion beschleunigt paradoxerweise den Sauerstoffverbrauch erheblich und verkürzt die verfügbare Überlebenszeit drastisch. Während ein ruhender Erwachsener etwa 250-300 ml Sauerstoff pro Minute verbraucht, kann dieser Wert unter Panik auf über 1000 ml/min ansteigen.
Progressive Hypoxie und Hyperkapnie
In einem geschlossenen Sarg unter der Erde herrscht ein begrenztes Luftvolumen. Ein Standard-Sarg hat ein Innenvolumen von etwa 300-400 Litern. Die Luft besteht zunächst aus circa 21% Sauerstoff und 0,04% Kohlendioxid (CO₂). Durch die Atmung sinkt der Sauerstoffgehalt, während CO₂ ansteigt.
| Zeitpunkt | O₂-Gehalt | CO₂-Gehalt | Symptome |
|---|---|---|---|
| 0-15 Min | 21% → 16% | 0,04% → 2% | Panik, Hyperventilation, klares Bewusstsein |
| 15-30 Min | 16% → 12% | 2% → 4% | Schwindel, Verwirrtheit, Kopfschmerzen |
| 30-60 Min | 12% → 8% | 4% → 7% | Bewusstseinstrübung, Krampfanfälle |
| 60-90 Min | < 8% | > 7% | Koma, Atemstillstand, Tod |
Diese Zeitangaben gelten unter der Annahme eines erhöhten Sauerstoffverbrauchs durch Panik. Bei absoluter Ruhe (theoretisch) könnte die verfügbare Zeit länger sein, jedoch ist psychologische Ruhe in dieser Situation praktisch ausgeschlossen.
Atemphysiologie und Sauerstoffverbrauch
Die zentrale medizinische Frage beim Szenario des lebendig Begraben-Werdens ist: Wie lange kann ein Mensch in einem geschlossenen Raum überleben? Die Antwort hängt von mehreren Faktoren ab, die ich aus intensivmedizinischer Sicht erläutere.
Kritische Sauerstoffgrenzen
Der menschliche Körper toleriert unterschiedliche Sauerstoffkonzentrationen mit folgenden klinischen Konsequenzen:
- 21-16% O₂: Normale Funktion, leicht erhöhte Atemfrequenz
- 16-12% O₂: Kompensierte Hypoxie, Tachykardie, beginnende Zyanose
- 12-8% O₂: Dekompensierte Hypoxie, Bewusstseinsstörungen, Krampfbereitschaft
- < 8% O₂: Lebensbedrohlich, rascher Übergang zu Koma und Herzstillstand
Parallel dazu entwickelt sich eine CO₂-Intoxikation (Hyperkapnie). Kohlendioxid ist nicht nur ein Erstickungsgas durch Verdrängung von Sauerstoff, sondern wirkt direkt toxisch auf das zentrale Nervensystem. Ab Konzentrationen von 7-10% CO₂ kommt es zu Bewusstlosigkeit, Atemlähmung und schliesslich zum Tod.
Medizinischer Hinweis
Die CO₂-Akkumulation ist tatsächlich das grössere Problem als der Sauerstoffmangel. Während der Körper relativ lange mit reduziertem O₂ kompensieren kann, führt erhöhtes CO₂ zu einer direkten Atemdepression und beschleunigt den Tod.
Realistische Überlebenszeit
Unter Berücksichtigung aller physiologischen Faktoren liegt die realistische Überlebenszeit in einem geschlossenen Sarg bei 60-120 Minuten, wobei die Bewusstlosigkeit bereits nach 30-60 Minuten eintritt. Diese Angaben basieren auf der Annahme:
- Standardgrösse Sarg (350 Liter Luftvolumen)
- Normaler Erwachsener (70 kg Körpergewicht)
- Erhöhter Sauerstoffverbrauch durch Stress (800-1000 ml/min)
- Keine zusätzliche Luftzufuhr von aussen
Psychologische und neurologische Reaktionen
Neben den rein physiologischen Prozessen sind die psychologischen Reaktionen beim lebendig Begraben-Werden von enormer Bedeutung. Aus psychiatrischer und neurophysiologischer Sicht laufen mehrere Prozesse parallel ab.
Akute Stressreaktion und Panikattacke
Die Konfrontation mit der unmittelbaren Todesbedrohung in einem engen, dunklen Raum ohne Fluchtmöglichkeit löst eine maximale Stressreaktion aus. Neurobiologisch kommt es zu einer Überflutung mit Stresshormonen:
- Adrenalin: Führt zu Herzrasen, Zittern, erweiterten Pupillen
- Noradrenalin: Steigert Blutdruck und Muskeltonus
- Cortisol: Mobilisiert Energiereserven, unterdrückt Immunsystem
- Endorphine: Werden in geringerem Masse ausgeschüttet, können Schmerz reduzieren
Die Amygdala, unser emotionales Angstzentrum im Gehirn, ist maximal aktiviert. Der präfrontale Cortex, zuständig für rationales Denken, wird hingegen durch die Stressreaktion teilweise gehemmt. Dies erklärt, warum Menschen in Panik oft irrational handeln und nicht mehr klar denken können.
Klaustrophobie und Erstickungsangst
Die Situation vereint zwei der mächtigsten Urängste des Menschen: die Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen) und die Erstickungsangst. Diese Kombination führt zu einem psychischen Ausnahmezustand, der mit folgenden Symptomen einhergeht:
- Überwältigende Todesangst
- Gefühl der Unwirklichkeit (Derealisation)
- Kontrollverlust
- Tunnelblick (falls minimal Licht vorhanden)
- Verzweifelte, unkoordinierte Bewegungen
Hypoxische Bewusstseinsstörungen
Mit fortschreitender Hypoxie verändert sich das Bewusstsein charakteristisch. Dies verläuft in mehreren Stadien, die ich aus meiner intensivmedizinischen Erfahrung kenne:
Stadien der hypoxischen Bewusstseinsstörung
- Stadium 1 (kompensiert):
- Erhöhte Aufmerksamkeit, Unruhe, beschleunigtes Denken, subjektiv normale Wahrnehmung trotz objektiver Beeinträchtigung
- Stadium 2 (beginnende Dekompensation):
- Verlangsamtes Denken, Orientierungsstörungen, Koordinationsprobleme, Euphorie möglich (hypoxische Euphorie)
- Stadium 3 (dekompensiert):
- Verwirrtheit, Halluzinationen, Krampfanfälle, unwillkürliche Bewegungen
- Stadium 4 (terminal):
- Koma, Atemstillstand, Herzstillstand
Wichtig ist zu verstehen, dass die extreme Panik meist nur in den ersten 15-30 Minuten anhält. Danach setzt durch die Hypoxie eine zunehmende Bewusstseinstrübung ein, die das Leiden tatsächlich mindert. Dies ist ein wichtiger Aspekt für Menschen mit Taphophobie: Das Bewusstsein schwindet relativ schnell, bevor es zu langem, bewusstem Leiden kommt.
Taphophobie als Angststörung
Die Taphophobie gehört zu den spezifischen Phobien und kann erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Als Arzt ist es mir wichtig, zwischen rationalen Sorgen und pathologischen Ängsten zu unterscheiden.
Klinische Merkmale der Taphophobie
Die Taphophobie manifestiert sich durch verschiedene Symptome:
- Intensive, anhaltende Angst vor dem Begraben-Werden
- Vermeidungsverhalten (z.B. Verweigerung, über Tod zu sprechen)
- Panikattacken beim Gedanken an Bestattung
- Zwanghaftes Beschäftigen mit Sicherheitsmechanismen
- Schlafstörungen durch wiederkehrende Albträume
- Klaustrophobische Reaktionen in engen Räumen
Die Phobie kann isoliert auftreten oder Teil einer generalisierten Angststörung sein. Häufig bestehen Komorbiditäten mit anderen Angsterkrankungen, Panikstörung oder Depression.
Neurobiologische Grundlagen
Moderne Bildgebungsstudien zeigen, dass bei Menschen mit spezifischen Phobien bestimmte Hirnareale überaktiv sind. Die Amygdala reagiert übersteigert auf phobierelevante Reize. Gleichzeitig ist die präfrontale Kontrolle vermindert, sodass die rationale Bewertung der tatsächlichen Gefahr erschwert ist.
Aus evolutionsbiologischer Sicht macht die Angst vor Erstickung und Eingesperrt-Sein durchaus Sinn – sie hat unseren Vorfahren geholfen, gefährliche Situationen zu vermeiden. Bei der Phobie ist diese adaptive Angst jedoch vom realen Risiko entkoppelt und führt zu unverhältnismässigem Leiden.
Therapeutische Ansätze
Die Behandlung der Taphophobie erfolgt nach denselben Prinzipien wie bei anderen spezifischen Phobien. Evidenzbasierte Therapieformen umfassen:
| Therapieform | Beschreibung und Wirksamkeit |
|---|---|
| Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) | Goldstandard in der Phobietherapie. Fokus auf Identifikation und Veränderung irrationaler Gedanken. Erfolgsrate 60-80% bei spezifischen Phobien. |
| Expositionstherapie | Graduierte oder massive Konfrontation mit angstauslösenden Situationen. Bei Taphophobie: zunächst imaginativ, später in vivo (z.B. enge Räume). Sehr wirksam, aber hohe Abbruchrate. |
| EMDR | Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Ursprünglich für Traumata entwickelt, auch bei Phobien hilfreich. Evidenz noch begrenzt für spezifische Phobien. |
| Medikamentöse Unterstützung | SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) bei schweren Fällen oder Komorbidität. Benzodiazepine nur kurzfristig bei akuten Angstspitzen. Medikamente ersetzen nicht die Psychotherapie. |
| Entspannungsverfahren | Progressive Muskelrelaxation, Atemübungen, autogenes Training. Symptomlinderung, aber keine Heilung der Grundproblematik. |
Wichtig ist die Erkenntnis, dass Taphophobie gut behandelbar ist. Die meisten Betroffenen profitieren erheblich von professioneller Hilfe und können ihre Lebensqualität deutlich verbessern.
Praxistipp für Betroffene
Wenn Sie unter Taphophobie leiden, ist der erste Schritt die Konsultation eines Facharztes für Psychiatrie oder eines psychologischen Psychotherapeuten. Eine frühzeitige Behandlung verhindert Chronifizierung und sekundäre Probleme wie soziale Isolation oder Depression.
Moderne Sicherheitsmechanismen in der Bestattungspraxis
Die gute Nachricht für Menschen mit Taphophobie: Die moderne Medizin und Bestattungspraxis hat mehrfache Sicherheitsebenen etabliert, die das lebendig Begraben-Werden faktisch unmöglich machen. Als Arzt, der regelmässig Todesfeststellungen durchführt, kann ich diese Mechanismen aus eigener Erfahrung erläutern.
Rechtliche Rahmenbedingungen in Österreich
In Österreich gelten strenge gesetzliche Vorschriften, die mehrfache Sicherheitsprüfungen vorschreiben:
- Todesfeststellung durch Arzt: Nur ein Arzt darf den Tod feststellen
- Leichenschau: Verpflichtende Untersuchung innerhalb von 24 Stunden
- Mindestwartezeit: In den meisten Bundesländern 24-48 Stunden vor Bestattung
- Zweite Leichenschau: Bei unklaren Fällen zusätzliche Begutachtung
- Obduktion: Bei Verdacht auf nicht-natürlichen Tod obligatorisch
Sichere Todeszeichen
Wir Ärzte unterscheiden zwischen unsicheren und sicheren Todeszeichen. Nur beim Vorliegen sicherer Todeszeichen darf eine Todesbescheinigung ausgestellt werden:
Sichere Todeszeichen
- Totenflecken (Livores):
- Rötlich-violette Verfärbungen an Körperunterseiten durch Blutsenkung. Entstehen 20-30 Minuten post mortem, sind ab 1 Stunde deutlich sichtbar.
- Totenstarre (Rigor mortis):
- Muskelversteifung durch biochemische Prozesse. Beginnt 1-2 Stunden post mortem an Kaumuskulatur, vollständig nach 6-12 Stunden.
- Leichengeruch:
- Durch Fäulnisprozesse, setzt nach mehreren Stunden ein, temperaturabhängig.
- Fäulniserscheinungen:
- Grünverfärbung der Bauchhaut (typischerweise rechter Unterbauch), Gasbildung, Hautablösungen. Beginnen nach 24-48 Stunden.
- Verletzungen mit Todesfolge:
- Dekapitation, Zerstörung lebenswichtiger Organe, Verbrennung mit Verfall zu Asche.
In der Praxis warte ich als Arzt bei jeder Todesfeststellung mindestens 30-60 Minuten und prüfe das Vorliegen von Totenflecken und beginnender Totenstarre. Bei Unsicherheit wird die Person überwacht oder ins Krankenhaus gebracht.
Moderne Diagnostik
Zusätzlich stehen uns heute diagnostische Hilfsmittel zur Verfügung, die im 19. Jahrhundert undenkbar waren:
- EKG zur Überprüfung der Herzaktivität
- Pulsoxymetrie zur Messung der Sauerstoffsättigung
- Kapnographie zur CO₂-Messung
- Doppler-Ultraschall zur Darstellung des Blutflusses
- EEG bei Verdacht auf Hirntod
Bestattungspraxis und Einbalsamierung
Ein weiterer, wenn auch makabrer Sicherheitsmechanismus: In vielen Fällen wird der Körper vor der Bestattung einbalsamiert oder es erfolgt eine Hygienische Versorgung. Bei der Einbalsamierung wird das Blut durch Formalin-Lösung ersetzt – ein Prozess, den kein lebender Mensch überleben könnte.
Selbst bei Erdbestattungen ohne Einbalsamierung liegt zwischen Tod und Beisetzung in Deutschland und Österreich eine Mindestfrist von 48 Stunden, in der Schweiz mindestens 24 Stunden. Diese Zeit reicht aus, damit eindeutige Todeszeichen auftreten.
Todeszeitpunkt-Bestimmung und Leichenschau
Als praktizierender Notfall- und Intensivmediziner möchte ich detailliert erläutern, wie die Todesfeststellung in der Praxis abläuft. Diese Kenntnisse können Menschen mit Taphophobie beruhigen.
Ablauf der Todesfeststellung
Wenn ich als Notarzt zu einem potenziell Verstorbenen gerufen werde, gehe ich nach einem standardisierten Protokoll vor:
- Vitalzeichenkontrolle: Puls (radial, karotidal), Atmung (Inspektion, Auskultation), Pupillenreaktion
- EKG-Ableitung: Mindestens 3-5 Minuten Nulllinie bei Asystolie
- Schmerzreize: Reaktion auf starke Schmerzreize prüfen
- Sichere Todeszeichen: Suche nach Totenflecken, Totenstarre
- Dokumentation: Genaue Beschreibung der Befunde
- Wartezeit: Bei jeglichem Zweifel weiteres Monitoring oder Transport ins Krankenhaus
Erst wenn alle Kriterien erfüllt sind und sichere Todeszeichen vorliegen, stelle ich den Tod fest. Bei Unsicherheit gilt immer: Im Zweifel für das Leben.
Scheintod-Zustände in der modernen Medizin
Es gibt tatsächlich Zustände, die einen Tod vortäuschen können. Diese sind jedoch heute gut bekannt und werden berücksichtigt:
- Hypothermie: Bei Körpertemperaturen unter 28°C können Vitalfunktionen kaum messbar sein. Daher gilt: "Niemand ist tot, bevor er warm und tot ist"
- Intoxikationen: Bestimmte Vergiftungen (Barbiturate, Opiate) können zu tiefem Koma führen. Bei Verdacht erfolgt Klinikeinweisung
- Katalepsie: Extrem seltene psychiatrische Zustände mit Bewegungslosigkeit. Heute durch EEG erkennbar
- Locked-in-Syndrom: Patient bei Bewusstsein, aber vollständig gelähmt. Moderne Bildgebung und EEG ermöglichen Diagnose
All diese Zustände werden durch die mehrstufige medizinische Untersuchung und die Wartezeit vor der Bestattung erkannt.
Praktische Hinweise für Betroffene
Für Menschen, die unter Taphophobie leiden oder einfach zusätzliche Sicherheit wünschen, gibt es konkrete Massnahmen:
Praxistipp 1: Patientenverfügung und Bestattungswünsche
Erstellen Sie eine Patientenverfügung, in der Sie explizit festhalten, dass Sie die Einhaltung der gesetzlichen Wartefristen und eine gründliche Leichenschau wünschen. Sie können auch eine Kremation verfügen – hier ist lebendig Begraben-Werden absolut ausgeschlossen, da die Temperaturen von 800-1200°C sofort tödlich wären.
Praxistipp 2: Aufklärungsgespräch mit dem Hausarzt
Sprechen Sie offen mit Ihrem Hausarzt über Ihre Ängste. Ein kompetenter Arzt wird Ihnen die medizinischen Sicherheitsmechanismen erklären und kann in Ihrer Patientenakte vermerken, dass bei Ihnen besondere Sorgfalt bei der Todesfeststellung gewünscht ist.
Praxistipp 3: Psychotherapeutische Behandlung
Suchen Sie professionelle Hilfe bei einem Psychotherapeuten mit Erfahrung in Angststörungen. Kognitive Verhaltenstherapie hat bei spezifischen Phobien eine Erfolgsquote von 60-80%. Die Behandlung ist in Österreich bei Vertragspsychotherapeuten teilweise kassenfinanziert.
Selbsthilfestrategien
Zusätzlich zur professionellen Therapie können folgende Selbsthilfeansätze hilfreich sein:
- Informationstherapie: Sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema (wie durch diesen Artikel) kann Ängste reduzieren
- Achtsamkeitsübungen: Meditation und Atemtechniken zur Angstreduktion
- Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen
- Graduierte Exposition: Langsame Annäherung an angstbesetzte Themen (nur unter therapeutischer Anleitung)
Was im Akutfall hilft
Bei akuten Panikattacken im Zusammenhang mit Taphophobie:
- 4-7-8 Atemtechnik: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen
- Grounding-Übungen: 5-4-3-2-1 Technik (5 Dinge sehen, 4 hören, 3 fühlen, 2 riechen, 1 schmecken)
- Kühles Wasser ins Gesicht spritzen (aktiviert Tauchreflex, beruhigt)
- Notfallmedikation: Bei ärztlich verordneten Benzodiazepinen im Bedarfsfall einnehmen
Fazit und Handlungsempfehlungen
Als Arzt und Notfallmediziner kann ich mit Bestimmtheit sagen: Die Wahrscheinlichkeit, im 21. Jahrhundert in Österreich, Deutschland oder der Schweiz lebendig begraben zu werden, ist praktisch null. Die mehrfachen medizinischen und rechtlichen Sicherheitsmechanismen – von der ärztlichen Todesfeststellung über sichere Todeszeichen bis zu Wartefristen – machen dieses Szenario nahezu unmöglich.
Die physiologischen Prozesse, die beim hypothetischen lebendig Begraben-Werden ablaufen würden – von der initialen Panikreaktion über progressive Hypoxie bis zur Bewusstlosigkeit – sind zwar medizinisch nachvollziehbar, aber unter heutigen Bedingungen rein theoretischer Natur.
Für Menschen mit Taphophobie ist wichtig zu verstehen: Diese Angst ist eine behandelbare psychische Störung, keine rationale Sorge. Die moderne Psychotherapie, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, bietet wirksame Behandlungsoptionen.
Handlungsempfehlungen zusammengefasst
- Bei ausgeprägter Taphophobie: Professionelle psychotherapeutische Hilfe suchen
- Patientenverfügung mit Bestattungswünschen erstellen
- Aufklärungsgespräch mit Hausarzt führen
- Bei Panikattacken: Atemtechniken und Grounding-Übungen anwenden
- Sachliche Information statt Vermeidung – Wissen reduziert Angst
Die medizinische Wissenschaft und ethisch-rechtliche Rahmenbedingungen haben sich seit dem 19. Jahrhundert fundamental gewandelt. Was damals eine reale – wenn auch seltene – Gefahr war, ist heute ein nahezu ausgeschlossenes Szenario. Vertrauen Sie auf die modernen Sicherheitsmechanismen und holen Sie sich bei pathologischen Ängsten professionelle Unterstützung.
Zur Kategorie Beruhigung und Schlaf
Als Arzt setze ich täglich auf gängie Medikamente für Beruhigung und Schlaf. Diese finden Sie hier:
Literatur und Quellen
- Bondeson J. Buried Alive: The Terrifying History of Our Most Primal Fear. W. W. Norton & Company, 2001
- American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5). 5th ed. Arlington: American Psychiatric Publishing, 2013
- Henssge C, Madea B. Methoden zur Bestimmung der Todeszeit an Leichen. Lübeck: Schmidt-Römhild, 2004
- Bandelow B, et al. Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. AWMF-Register Nr. 051/028, 2021
- Nunn JF, West JB. Applied Respiratory Physiology. 4th ed. London: Butterworths, 1993
- Österreichisches Bestattungsgesetz und Landesgesetze der Bundesländer, aktuelle Fassungen
- Craske MG, et al. Cognitive-behavioral therapy for anxiety disorders: an update on the empirical evidence. Dialogues Clin Neurosci. 2017;19(2):83-88
Medizinischer Disclaimer
Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder psychotherapeutische Behandlung. Bei Angststörungen, Panikattacken oder anderen psychischen Beschwerden wenden Sie sich bitte an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder einen approbierten Psychotherapeuten. In akuten Notfällen wählen Sie den Notruf 144 (Österreich), 112 (EU) oder die Telefonseelsorge 142 (Österreich). Die dargestellten medizinischen Informationen basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, können aber individuelle ärztliche Beurteilungen nicht ersetzen.

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