Narkose Rettung unter Wasser - Dr. Daniel erklärt
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Narkose Rettung unter Wasser - Dr. Daniel erklärt


Von Dr. Daniel Pehböck · Lesezeit ca. 11 Minuten

Thailand, Sommer 2018: Zwölf Jungen einer Fußballmannschaft und ihr Trainer sitzen über zwei Kilometer tief in der überfluteten Höhle Tham Luang fest. Keiner von ihnen kann tauchen. Die Lösung, die am Ende alle dreizehn lebend nach draußen bringt, ist medizinisch beispiellos: Ein australischer Anästhesist versetzt die Kinder mit Ketamin in Narkose, und Höhlentaucher bringen sie bewusstlos durch kilometerlange, geflutete Gänge. Ich bin Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin und habe Ketamin unzählige Male eingesetzt – im OP, auf der Straße und am Berg. Hier erkläre ich, warum diese Entscheidung aus anästhesiologischer Sicht genial war.

Die ausweglose Ausgangslage

Am 23. Juni 2018 drang die Mannschaft nach einem Training in die Höhle Tham Luang vor. Monsunregen flutete die engen Gänge. Die Jungen, zwischen elf und sechzehn Jahre alt, mitsamt ihrem fünfundzwanzigjährigen Trainer, flüchteten immer tiefer, bis sie auf einer trockenen Erhöhung festsaßen – mehr als zwei Kilometer vom Eingang entfernt und durch mehrere vollständig geflutete Passagen abgeschnitten.

Erst nach neun Tagen fanden britische Höhlentaucher die Gruppe lebend. Damit begann für mich als Anästhesisten der eigentlich spannende Teil: Wie bekommt man dreizehn tauchunerfahrene, geschwächte Menschen durch eine Strecke, die selbst für Profitaucher lebensgefährlich ist?


Warum alle anderen Optionen scheiterten

Vier naheliegende Pläne wurden durchgespielt und mussten verworfen werden:

Option Warum ausgeschieden
Warten Der Monsun hätte die Höhle über Monate geflutet. Der Sauerstoff im Hohlraum sank bereits bedrohlich.
Bohren Die exakte Position lag hunderte Meter unter massivem Fels, ohne verlässliche Bohrziele.
Abpumpen Der Nachschub an Wasser übertraf die Pumpkapazität dauerhaft.
Tauchen lernen Höhlentauchen durch Engstellen braucht jahrelange Erfahrung. Für geschwächte Kinder unmöglich.

Es blieb nur eine Variante: hinaustauchen – aber nicht als Taucher, sondern als Patient.

Warum Panik unter Wasser tödlich ist

Der zentrale Grund für die Narkose war die Panik. Ein waches, ängstliches Kind hätte in den engen, dunklen, kalten Passagen in Todesangst geraten können. Reißt ein Panikender die Maske ab oder kämpft gegen den Taucher, ertrinken unter Umständen beide.

Warum ein Beruhigungsmittel allein nicht reichte: Eine leichte Sedierung hätte die Panikreaktion nicht sicher ausgeschaltet. Nötig war ein völlig bewegungsloser, aber dennoch spontan atmender Patient – ein Spagat, den nur wenige Medikamente erlauben.

Was Ketamin ist und warum es gewählt wurde

Ketamin ist ein sogenanntes dissoziatives Anästhetikum. Es trennt das Bewusstsein von der Wahrnehmung, ohne die lebenswichtigen Reflexe und die Spontanatmung zu unterdrücken – ein entscheidender Vorteil, wenn kein Beatmungsgerät zur Verfügung steht.

Die Eigenschaften, die in Tham Luang zählten

Eigenschaft Bedeutung für die Rettung
Atemantrieb bleibt Die Kinder atmeten selbst weiter – kein Beatmungsgerät unter Wasser nötig.
Kreislaufstabil Blutdruck und Herzfrequenz brechen nicht ein, anders als bei vielen klassischen Narkotika.
Breite Sicherheit Grosse therapeutische Breite – auch ohne Monitor relativ berechenbar.
Intramuskulär möglich Konnte in den Oberschenkel gespritzt werden – kein venöser Zugang unter Wasser erforderlich.
Aus meiner Praxis: Genau wegen dieser Eigenschaften gehört Ketamin zur Standardausrüstung in der Notfall- und Bergmedizin. Am Berg, wo Monitoring und sichere Atemwege oft schwierig sind, ist es häufig das Mittel der Wahl – etwa zur Reposition oder Analgosedierung.

Die Narkose: Atropin, Sedativum und Nachspritzen

Ketamin wurde nicht allein gegeben. Zwei Ergänzungen machten die Narkose erst praktikabel:

Atropin gegen den Speichelfluss

Ketamin steigert die Speichel- und Schleimproduktion. Unter Wasser, mit einer Vollgesichtsmaske, droht dadurch ein Verlegen der Atemwege. Atropin reduziert die Sekretion und senkt dieses Risiko deutlich.

Ein Beruhigungsmittel zur Abschirmung

Ein zusätzliches Sedativum glättete die Narkose und beugte unangenehmen Aufwachreaktionen vor, für die Ketamin bekannt ist.

Das Nachspritzen unter Wasser

Das Entscheidende: Die Taucher wurden angeleitet, selbst nachzuspritzen. Zeigte ein Kind unterwegs Anzeichen des Aufwachens – Bewegung, Zucken – injizierte der Taucher eine weitere Dosis Ketamin intramuskulär in den Oberschenkel. Für Laien eine enorme Verantwortung, medizinisch aber nachvollziehbar, weil Ketamin dieses Vorgehen verzeiht.

Kein Monitor, kein Arzt dabei: Nach der Einleitung an der Erhöhung war das Kind auf sich und den Taucher gestellt. Einziges verlässliches Lebenszeichen auf der stundenlangen Passage: die aufsteigenden Luftblasen der Atmung.

Hypothermie, Refeeding und Sauerstoffmangel

Drei weitere lebensbedrohliche Faktoren mussten mitbedacht werden:

Unterkühlung

Das Höhlenwasser war kalt, die Kinder ausgezehrt. Bei einem geretteten Jungen wurde eine Körperkerntemperatur von nur 29,6 Grad gemessen – eine schwere Hypothermie, die den Kreislauf gefährlich verlangsamt. Ketamin half hier indirekt, weil es die Kreislaufstabilität unterstützt.

Refeeding-Syndrom

Nach über einer Woche ohne nennenswerte Nahrung darf man ausgehungerte Menschen nicht abrupt vollständig ernähren. Sonst drohen gefährliche Verschiebungen von Elektrolyten wie Phosphat und Kalium – das Refeeding-Syndrom. Die Jungen wurden deshalb anfangs nur vorsichtig und kontrolliert ernährt.

Sauerstoffmangel in der Höhle

Der Sauerstoffgehalt im Hohlraum war durch die Atmung der Gruppe auf kritische Werte gesunken. Dies erhöhte den Zeitdruck erheblich und war mit ein Grund, warum nicht weiter zugewartet werden konnte.

Was wir in den Alpen daraus lernen

Die Höhlenmedizin ist auch im DACH-Raum ein reales Thema. 2014 verunglückte in der Riesending-Schachthöhle im Berchtesgadener Land ein Forscher schwer – die Bergung dauerte elf Tage und band internationale Höhlenretter. Solche Einsätze zeigen, dass medikamentöse Konzepte wie in Tham Luang kein Einzelfall bleiben.

Praxis-Tipp 1 – Ketamin kennen: Wer in der präklinischen oder Bergmedizin arbeitet, sollte Ketamin und seine Dosierungen sicher beherrschen. Es ist oft das robusteste Werkzeug, wenn Infrastruktur fehlt.
Praxis-Tipp 2 – Sekretmanagement mitdenken: Bei Ketamin-Narkosen in schwieriger Lage immer das Thema Speichelfluss und Atemwegssicherung aktiv planen, nicht erst, wenn es kritisch wird.
Praxis-Tipp 3 – Hypothermie und Refeeding früh adressieren: Bei lang eingeschlossenen oder verschütteten Patienten gehören Wärmeerhalt und vorsichtige Ernährung von Beginn an ins Konzept.

6 Mythen und 7 Tipps

Sechs hartnäckige Mythen

  • „Ketamin stoppt die Atmung.“ Nein – es erhält den Atemantrieb weitgehend, ein zentraler Vorteil.
  • „Narkose ohne Monitor ist unmöglich.“ Ideal ist Monitoring immer, doch in Ausnahmesituationen ist eine klinische Überwachung vertretbar.
  • „Man muss das Medikament intravenös geben.“ Ketamin wirkt auch intramuskulär zuverlässig.
  • „Tauchen lernt man schnell.“ Höhlentauchen durch Engstellen braucht jahrelange Übung.
  • „Panik ist Kopfsache.“ Unter Wasser kann sie beide Beteiligten das Leben kosten.
  • „Nach dem Hungern einfach kräftig essen.“ Das kann das gefährliche Refeeding-Syndrom auslösen.

Sieben Tipps, damit du nie in so eine Lage kommst

  • Wetter- und Regenprognosen vor jedem Höhlen- oder Schluchtgang ernst nehmen.
  • Bei Starkregenrisiko Touren mit Wasserführung absagen.
  • Rückzugsweg und Zeitplan vorab klar festlegen.
  • Jemanden ausserhalb über Ziel und geplante Rückkehr informieren.
  • Niemals ohne erfahrene Führung in unbekannte, enge Höhlen.
  • Rückzug früh einleiten – lieber einmal zu oft umkehren.
  • Auf unerwartet steigenden Wasserstand sofort reagieren.

Fazit

Die Rettung von Tham Luang war ein medizinisches Wagnis mit präziser Logik dahinter. Ketamin war kein Zufall, sondern die konsequente Wahl: ein Medikament, das Bewusstsein ausschaltet, Atmung und Kreislauf aber bewahrt und selbst intramuskulär durch Laienhände verzeihlich bleibt. Ergänzt um Atropin und ein Sedativum entstand so ein Konzept, das dreizehn Menschen lebend nach draussen brachte.

Meine Handlungsempfehlung: Wer in Notfall-, Berg- oder Rettungsmedizin tätig ist, sollte Ketamin verstehen und seine Grenzen kennen. Und als Outdoor-Begeisterter gilt: Prävention schlägt jede noch so geniale Rettung.

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Quellen (Auswahl): Offizielle Berichte zur Tham-Luang-Rettung 2018; publizierte Fallberichte des beteiligten anästhesiologischen Teams; Dokumentation zur Riesending-Höhlenrettung 2014.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Medikamentengaben wie hier beschrieben erfolgen ausschliesslich durch qualifiziertes Fachpersonal unter spezifischen Bedingungen. Keine Heilversprechen.


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